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Ethik in der Krise

Ein zuverlässiger Kompass in ungewissen Zeiten

Leitartikel von Lina Krawietz


Sowohl der Staat als auch Akteur*innen der freien Wirtschaft sehen sich in Krisenzeiten herausfordernden Veränderungen und zahlreichen Unbekannten gegenüber. Deren effektive Bewältigung kann mit herkömmlichen Strategien kaum mehr gelingen. Doch wie kann man sich auf das Unbekannte vorbereiten, wenn nicht mit dem, was schon immer irgendwie funktioniert hat? Laut Dirk Baecker, Professor für Kulturtheorie und Management in seinen Studien zur nächsten Gesellschaft, “überhaupt nicht, und genau das gilt es einzusehen”. Die gute Nachricht: Es gibt bereits Ansätze, die nichtsdestotrotz einen konstruktiven Umgang mit volatilen Bedingungen und Nichtwissen möglich machen. Das Thema Ethik spielt dabei eine entscheidende Rolle – aber auch die Disziplin des Designs.


Als philosophische Disziplin befasst sich die Ethik mit Fragen der Moral, d.h. mit allgemeingültigen menschlichen Werten, Normen und Sitten. Damit bietet sie uns eine Anleitung zu moralischem, also gutem und richtigem Handeln für ein gedeihliches Miteinander. Im alltäglichen Sprachgebrauch werden die Begriffe Ethik und Moral oft als Synonym verwendet.


Wenn wir auf dem unbekannten Terrain einer Krise vorankommen und nachhaltig Fortschritte verzeichnen wollen, gilt: “Direction is more important than speed. Many are going nowhere fast”. Wir müssen zum einen in der Lage sein, bei aller Ziellosigkeit zumindest eine Richtung zu bestimmen, in die wir uns bewegen wollen. Zum anderen, müssen wir uns Wege erschließen, die uns schließlich auch dorthin führen. Beides wird möglich durch eine bewusste Orientierung an ethischen Grundsätzen. Dafür kann uns Ethik als Kompass dienen.


Als Prinzip stößt Ethik allgemein auf breite Zustimmung. Wenn es jedoch darum gehen soll, Entscheidungen und Maßnahmen an ihr auszurichten, haben ethische Überlegungen oft mehr eine hemmende als eine konstruktive Wirkung. Die Wahl besteht dann – vermeintlich – zwischen dem Aufrechterhalten des Status Quo auf der einen und einer, regelmäßig technischen, Entwicklung auf der anderen Seite. Am Ende meist langwieriger, doch keinesfalls unwichtiger, Diskussionen einigt man sich oft darauf, dass der Entwicklung (in der Rechtsbranche oft entsprechend “der Digitalisierung”) aus ethischen Gesichtspunkten dringend Einhalt geboten werden muss. Auf diese Weise wird Ethik viel zu oft zu einem Argument für oder gegen bereits vorhandene Vorstellungen einer möglichen Zukunft degradiert. Diese Tendenz ist ebenso bequem wie gefährlich. Ethik müsste vielmehr auch als Aufforderung verstanden werden. Als Aufforderung, aktiv überall dort, wo es solche noch nicht zu geben scheint, neue ethisch vertretbare Alternativen zu gestalten. Nicht nur theoretisch sondern auch praktisch.


In ihrem Buch “Der entstörte Mensch – Warum wir nach dem technischen Fortschritt jetzt den menschlichen Fortschritt brauchen” mahnt die Politikwissenschaftlerin und Management-Beraterin Petra Bock zutreffend: “Die Qualität eines Denkens ist so eng mit den Zeitumständen des Denkenden verwoben, dass der Rückgriff auf alte Konzepte wohl die ein oder andere Inspiration bereithalten mag, niemals aber Lösungen für neue Probleme”. Gleiches gilt für das wiederholte Reproduzieren gewohnter Strategien und Handlungsmuster. Krisen gehen regelmäßig mit schlagartigen Veränderungen einher, die ein Verharren im Status Quo partout nicht mehr zulassen. “Um evolutionsfähig zu bleiben, muss das innovative Unternehmen der Computergesellschaft”, laut Dirk Baecker, “Nein zu sich selber sagen können”. Spätestens in dem Moment, in dem Staat und Unternehmen durch plötzliche Ereignisse zum Handeln gezwungen werden, können sie sich der Verantwortung, neue und ethisch vertretbare (Denk-)Realitäten zu gestalten, nicht mehr entziehen. Doch wie lassen sich ethische Grundsätze in konstruktive Maßnahmen übersetzen?


Während sich die Ethik auf einer eher theoretischen Ebene mit moralischen Zusammenhängen auseinandersetzt und ein Handeln zum Wohle und Nutzen von Mensch und Gesellschaft fordert, liefert uns die Disziplin des Designs Ansätze für ein Handeln zum Wohle von Mensch und Gesellschaft.

Das oberste Design-Gebot lautet “form follows function”. Demnach erfordert das Gestalten von Neuem in einem ersten Schritt, dass die Funktion bzw. der Nutzen oder anzustrebende Zweck definiert wird. Das gilt für das Design einer Lampe genauso wie für das Gestalten eines digitalen Tools. Technologie – wie übrigens auch das Recht – ist eine Funktion unserer (Welt-)Gesellschaft und damit immer nur so gut, wie der Zweck, den sie für diese erfüllt. Eine Lösung, die am Problem vorbei entwickelt wurde, ist folglich wertlos. Digitalisierung erfüllt keinen Selbstzweck und eine Software, die keiner nutzt, ist nicht innovativ. In Anbetracht des Unbekannten fehlen naturgemäß die Erfahrungswerte, auf Basis derer valide Design-Entscheidungen getroffen werden könnten. Darum fördert Design in der darauf folgenden formgebenden Phase ein experimentelles Vorgehen. Ziel ist es, so schnell wie möglich mit gerade nur so viel Aufwand wie nötig, vorwärts zu scheitern und dabei zu lernen, was funktioniert und was nicht. Hierdurch wird neues Erfahrungswissen generiert, das Unbekannte schrittweise erforscht und sichtbar gemacht, welchen der vielen möglichen Wege es weiter zu gehen lohnt.

Die Nutzer*innen des zukünftigen Designs werden von Anfang an in den Designprozess mit einbezogen. Dadurch wird sichergestellt, dass die der jeweiligen Herausforderung zugrundeliegenden menschlichen Bedürfnisse, Erwartungen und Motivationen stets richtig gedeutet sowie bei Design-Entscheidungen zielführend berücksichtigt werden. Im Ergebnis entstehen Produkte, Dienstleistungen, Prozesse, Systeme und Umwelten, die echte Probleme ganzheitlich lösen - nützliche Lösungen, die tatsächlich gefallen und gerne genutzt werden. Eine Herangehensweise, die derartige Ergebnisse hervorbringt, ist somit nicht nur aus ethischer Perspektive erstrebenswert, sondern auch wirtschaftlich äußerst sinnvoll.


Wir sehen: Mit Hilfe der Ethik lässt sich auch in unbekanntem Terrain eine Richtung bestimmen. Design erlaubt es uns, auf Sicht zu navigieren und dabei einem Ziel entgegenzusteuern, das Mensch und Gesellschaft nützlich sein wird, auch wenn wir dessen konkrete Form zunächst noch nicht kennen.


Ein konstruktiver Umgang mit bis dato unbekannten Herausforderungen, wie sie Krisen, aber auch beschleunigte Veränderungen jeder Art, mit sich bringen, ist also möglich.


Das Unvorhergesehene wird man damit zwar auch in Zukunft nicht kommen sehen. Mit Ethik und Design stehen uns jedoch kraftvolle Werkzeuge zur Verfügung, um eine Krise als das zu begreifen, was sie sein kann, wenn wir richtig mit ihr umgehen: Eine Chance.

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